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Neulich führte ich eine hitzige Diskussion mit meinem Onkel darüber, warum ich einige Dinge gut finde, obwohl ich sie schlecht finde. Das klingt zugegebenermaßen ein wenig wirr, aber dann versuchte ich es ihm anhand der Definition von guilty pleasures plausibel zu machen. “A guilty pleasure is something one enjoys and considers pleasurabel despite feeling guilt for enjoying it”, heißt es da nämlich kurz und knackig auf Wikipedia. Als mein Onkel es immer noch nicht nachvollziehen konnte, rief ich irgendwann: “Man, jeder hat ein Recht auf ein bisschen Trash im Leben, okay?” Jawoll. Und da dachte ich, es wäre an der Zeit, auch hier mal einige meiner schlimmsten guilty pleasures zu beichten. Zehn, um genau zu sein, obwohl es noch etliche andere gibt. Auf die Gefahr hin, hinterher keine Leser mehr zu haben, aus Gründen der Fremdscham. Weil ihnen hier eventuell der Eindruck vermittelt werden könnte, ich wäre gerne eine infantile, sächselnde Prinzessin, die am liebsten auf Holzdielen zu schlechter Musik tanzt und einen blutsaugenden Arzt liebt. Aber das ist natürlich vollkommener Blödsinn. Hier ein Räuspern einfügen, um die peinliche Stille zu überbrücken.
1. Die Royals: Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr mir Klatsch und Tratsch über Promis, mit Verlaub, am Arsch vorbeigeht. Nämlich gar sehr. Mit einer Ausnahme: das englische Königshaus. Ernsthaft, ich liebe es. Ich lese jeden Artikel, der mir über die Queen und ihre Familie in die Finger kommt und ziehe mir jede kitschige ZDF-Doku über sie rein, durchaus auch mehrmals. Die Briten stehen auf ihre Royals und ich stehe auf die Briten, vielleicht rührt meine Zuneigung daher, denn Königsfamilien aus anderen Ländern interessieren mich nicht die Bohne. Ihren Ursprung hat meine Begeisterung vor fast zehn Jahren, als ich das erste Mal in London war und mich bei der Gelegenheit direkt mal in Prinz William verliebte. Was sich mittlerweile selbstverständlich wieder gelegt hat. (Denn ich habe ihm das mit der Hochzeit noch nicht verziehen. Ähm.) Ich finde die ganze Familie einfach wahnsinnig witzig und auf alle “Mit welchem Promi würdest du gerne mal einen trinken gehen?”-Fragen antworte ich regelmäßig: “Mit den Royals. Betrunkener müssen die noch wesentlich lustiger sein!” Es existieren etliche Fotos von mir neben ihren Wachsfiguren im Madame Tussauds, Prinz Philip ist mein Inbegriff von “Antiheld” und ich besitze die offizielle DVD zur Hochzeit von William und Kate. God save the Queen!
2. “SingStar Schlager”: Die Tatsache, dass ich mir eine Playstation 2 nur für “SingStar” gekauft habe und davon acht Spiele besitze, kann wahrscheinlich schon als eigenes guilty pleasure durchgehen. Zwar kann ich ums Verrecken nicht singen, aber bei “SingStar” schlägt mich niemand. Niemals! “SingStar” habe ich drauf. Beschämenderweise ist meine Lieblingsedition des Spiels die Schlager-Version, bei “Dschingis Khan”, “An der Nordseeküste” oder “Fiesta Mexicana” kommt meine nicht vorhandene Sangeskunst erst zur vollen Entfaltung. Von Wolfgang Petry kann ich so gut wie jedes Lied mitsingen (Viele ausschweifende Familienfeiern in der Vergangenheit tragen die Schuld daran.) und wenn in den Partyzelten auf Schützenfesten “Traum von Amsterdam”, “Die Gefühle haben Schweigepflicht” oder der Pur-Partymix gespielt wird, bin ich die erste, die grölend auf der Tanzfläche steht. Zu meiner Verteidigung: Erträglich finde ich das alles auch nur mit den richtigen Leuten, auf den richtigen Veranstaltungen und mit der nötigen Grundlage.
3. Jogginghosen: Ich habe zwei Lieblingsjogginghosen: die eine ist eine dieser übergroßen, ausgeleiherten, grauen Baumwolldinger, die andere ist von Adidas, schwarz mit pseudogoldenen Streifen und dem Logo der deutschen Fußballnationalmannschaft auf dem Oberschenkel, da sie zu meinem DFB-Trainingsanzug gehört. Und ich zögere nicht, diese auch in der Öffentlichkeit zu tragen. Natürlich würde ich nicht in Jogginghose zu einer Verabredung, irgendeinem Termin oder zur Arbeit erscheinen, aber vor allem Letztgenannte trage ich hin und wieder in der Uni oder beim Einkaufen. Auch in der Schule bin ich gelegentlich in Jogginghose erschienen, nicht nur zu sechsstündigen Klausuren. Das war völlig legitim bei uns, manchmal haben wir sogar nach vorheriger Absprache inoffizielle “Gammelhosentage” veranstaltet, zu denen der ganze Kurs in ebensolchen erschien. Man sieht darin ja auch nicht zwangsläufig wie Vicky Pollard aus. Tatsächlich kombiniere ich zu Jogginghosen auch hin und wieder Rollkragenpullover und Perlenketten. Wie sagt man doch so schön? Immer locker durch die Hose atmen!
4. Fremde Tascheninhalte: Okay, das klingt, als wäre ich ein kleiner Dieb. Dem ist nicht so. Trotzdem haben fremde Tascheninhalte eine unerklärliche Faszination auf mich und ich gucke mir mit größtem Vergnügen sämtliche “What’s in my bag”-Videos auf Youtube an, die ich finden kann. Ernsthaft, ich kann Schminkgurus und ihrem Geschnacke über Make-Up nichts abgewinnen, Buchgurus finde ich meist humorlos und langweilig, trotzdem habe ich einige ihrer Kanäle in einem Ordner in meiner Lesezeichenleiste gespeichert und gönne mir auch regelmäßig mehr oder minder begeistert ihre Videos. Vor allem in der Hoffnung, eines darunter zu finden, in dem sie den Ramsch kommentieren, den sie aus ihren Handtaschen ziehen. Mich interessiert die Geschichte hinter ihren Schlüsselanhängern, aus welchem Urlaub ihr Portemonnaie stammt, welches Studentenfutter sie mit sich herumschleppen und welche Zuglektüre sie gerade dabei haben. Vor einer Weile hatte ich hier einen Artikel über meinen eigenen Tascheninhalt gepostet, aber das Foto war so grausig, dass ich ihn wieder heruntergenommen habe. Irgendwann werde ich ihn reaktivieren, mit einem besseren Bild und meinem wunderschönen Oystercard-Etui darauf.
5. “Twilight”: So, Kinder, jetzt wird es richtig beschämend. Ja, ihr habt richtig gesehen: Einzelkindchen liest und guckt kitschigen Vampirrotz. Aber nicht irgendeinen, sondern die Mutter aller kitschigen Vampirrotzen. (Verurteilt mich nicht, der Duden kennt auch keinen Plural von “Rotz”.) Mir ist durchaus bewusst, dass es literarisch nicht auf dem allerhöchsten Level verkehrt, die unterschwellige Botschaft der Geschichte grenzwertig und die Protagonistin einfach nur unfassbar nervig ist. Dennoch besitze ich alle Bücher inklusive des Spin-Offs und eines Lexikons und habe mir mit einer Freundin jeden der Filme im Kino in der Marathon-Fassung angeguckt. Ich versuche mich immer damit zu rechtfertigen, ich hätte die Bücher “schon gelesen, als sie außer mir noch niemand kannte”. Das wage ich zwar zu bezweifeln, aber tatsächlich begann ich damit lange vor dem Hype, im zarten Alter von 15 Jahren. Sogar, als ich am Erscheinungstag des zweiten Bandes einige Mitmenschen in der großen Pause zum Buchladen zerrte, hatten diese immer noch keine Ahnung, worum es bei “Twilight” überhaupt geht. Und, hach, ich mag den ersten Film. Weil ich mich im Vorhinein so sehr auf ihn gefreut hatte. Weil ich im Vorhinein schon so wahnsinnig verknallt in Carlisle Cullen war. Und ich sollte aufhören zu reden.
6. Burberry Haymarket Check: Die zweite modische Peinlichkeit, die ich hier vorstellen möchte, ist so ziemlich das genaue Gegenteil von Jogginghosen. Muss einem eine Vorliebe für Burberry an sich schon unangenehm sein? Für beigefarbene Trenchcoats oder für im obengenannten Haymarket Check gemusterte Schals? Weil die Duplikate davon mittlerweile so mainstream geworden sind? Hierbei geht es mir allerdings nicht nur um ebendieses Muster, sondern auch um alles andere, in dem ich mir manchmal wie eine versnobte Engländerin von einem Landgut vorkomme. Zwar befinden sich keine rosa Polohemden oder dunkelbraunen Segelschuhe in meinem Kleiderschrank, aber gelegentlich trage ich gerne mal Perlenketten und -ohrringe, Klamotten im Hahnentrittmuster und Oxfordschuhe, mein Bestand an Socken von Burlington kann sich auch sehen lassen. Die Reitklamotten tun ihr übriges. Eine Freundin aus der Uni sagte mir einst, sie fände mich overdressed. Wenn ich gerade keine Jogginghose trage.
7. Kinderfilme, -serien und -bücher: Der Artikel “30 Kleine Obsessionen”, den ich hier vor einer Weile gepostet habe, enthält eine Frage über meine guilty pleasures unter Serien. Dort schrieb ich von dem ganzen Kram, der auf Nickelodeon läuft und bei dem in jeder Serie die gleichen Schauspieler vertreten sind, die alle in wahnsinnig knalligen Farben erstrahlen und kleine Mädchen dazu bringen sollen, sich zu wünschen, sie wären so cool wie die Protagonistinnen. Ich spreche von Serien wie “Victorious”, “iCarly” oder “Zoey 101″, letztere ist mein Favorit. Doch meine größte Passion unter den Kinderserien ist nach wie vor “Schloss Einstein”, allerdings favorisiere ich die ersten Staffeln, vor allem die allererste Schülergeneration habe ich geliebt und sehe sie mir immer wieder gerne an, wenn sie im Fernsehen kommt. Zu den Kinderbüchern, die ich ebenfalls immer wieder gerne lese, zählen vor allem “Bille und Zottel” sowie “Die Wilden Hühner”, von denen ich auch alle Filme im Kino gesehen habe. (Wobei der dritte so mies ist, dass er meiner Meinung am besten gar nicht hätte gedreht werden sollen.) Kann man “Immenhof” als Kinderfilm deklarieren? Dann auch die ersten drei “Immenhof”-Filme. Der komplette Soundtrack dazu befindet sich in meinen iTunes. Die ganzen schnuckeligen Ponylieder.
8. Bravo Hits 26: Hier also die nächste musikalische Verfehlung, die ich euch beichten möchte. Tja, die bösen Neunziger, der böse Eurodance, die Spice Girls und die Backstreet Boys. (Obwohl ich die beiden Bands damals überhaupt nicht mochte, als ich noch im Alter der Zielgruppe war. Heute finde ich sie ganz witzig.) Die Bravo Hits 26 habe ich mit meiner damaligen besten Freundin rauf und runter gehört, nachdem sie sie von ihrem großen Bruder vermacht bekam. Vor allem die erste CD habe ich geliebt und höre sie mir, wenn ich übermäßig gute Laune habe, auch jetzt noch gerne an. Ich meine – die Vengaboys. Und Loona. Und Captain Jack. “King of my castle” und “Mambo No. 5″. Und, verdammte Scheiße, “The Rigga-Ding-Dong Song”, zu dem wir sogar eine Performance einstudiert hatten. Des Weiteren stand ich als Kind übrigens tierisch auf die Musik von Blümchen und den A-Teens, die ich mir auch immer noch gelegentlich gönne, wenn ich in sehr überschwänglicher Stimmung bin. “That is how we want it – Floorfiller! That is how we need it…”
9. “Hugo”: Nein, nicht das Gesöff. Mitnichten. Die Rede ist von Hugo, dem Troll, der kleine, knuffige, haarige Typ, dessen Spiele man erst im Fernsehen und später auch auf dem Computer spielen konnte. Hugo, der ständig seine Familie aus den Klauen der bösen Hexe befreien musste und mit seiner krächzenden Stimme andauernd mäßig witzige Sprüche riss, die einem nach einer Weile fast dazu brachten, den PC anzuzünden. Die Spiele sind nach dem so ziemlich simpelsten Jump’n'Run-Prinzip aufgebaut, das man sich vorstellen kann, aber ich liebe sie alle. Wenn ich mich nicht verzählt habe, besitze ich 13 CD-Roms, darunter befinden sich sowohl die Spiele, die damals auch im Fernsehen ausgestrahlt wurden, didaktisch aufgebaute Ausgaben und einige, die man fast schon als ausgefeilt und modern bezeichnen konnte. Die aus mehr als vier Pixeln bestanden. Genau diese funktionieren bei mir sogar noch, obwohl ich mittlerweile ein Betriebssystem habe, das damals noch gar nicht existierte. Ich freue mich.
10. Dialekte: Ich mag Dialekte. Ich finde nicht alle Dialekte schön, aber ich mag die Tatsache, anhand der Aussprache einer Person zu hören, aus welcher Region sie stammt. Außerdem klingt es irgendwie (sprachlich, nicht inhaltlich) ehrlicher als bei Leuten, die perfekt in der Standardvarietät kommunizieren – das ist mir zu steril, sofern man es so nennen kann. Ich finde, dass ein Dialekt der Aussprache mehr Charakter verleiht, deshalb freue ich mich immer, wenn ich merke, dass ich meinen Gesprächspartnern ihre Herkunft anhören kann. Auch, wenn es sich dabei um einen Dialekt handelt, der mir nicht so sehr gefällt. Und ich meine nicht das Sächsische, obwohl ich weiß, dass es in Umfragen nach der Beliebtheit von Mundarten wahrscheinlich im Minusbereich landen würde, gäbe es einen solchen. Ich finde sächsisch drollig und fühle mich manchmal wie eine Mutter, die ihr Baby beschützen muss und es gegen all die Lästerer verteidigt, deren schlechten Parodien es ausgesetzt ist. (Und das liegt bestimmt nicht nur an meinen sächsischen Genen.) Außerdem nervt mich die Tatsache, dass einige Leute am Grad der Ausprägung eines Dialekts den Intellekt der Sprecher ausmachen wollen. Ich bin mir nicht sicher, ob man Dialekte überhaupt ein guilty pleasure nennen kann, aber viele Statistiken zeigen mir, dass Mundarten nicht so wahnsinnig beliebt sind. Aber das mit dem Peinlichkeitsgrad der aufgezählten Dinge ist ja sowieso Ermessenssache.